Zum Glück: es gibt noch andere, für die es das erste Barcamp ist. Trotzdem, spannend ist es, und die Erwartungen hoch. Gibt es eigentlich eine Frage, auf die das Web 2.0 keine Antwort finden könnte? Das herauszufinden könnte mir gelingen, dachte ich, an diesem zurückliegenden Wochenende, auf dem 3. Barcamp in Berlin.

Der Veranstaltungsort, die Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom, wartet gleich mal mit einer riesigen Bildschirmwand auf, die letzte Zweifel über den Nutzen von Microblogging und Handy-Videostreaming zerstreuen. Gut, sagt der Neuankömmling und Neueinsteiger, dass es so ein Wisdom-of-the-Crowd-Orakel gibt, über das im Sekundentakt neue Fragen, Statusupdates und Antworten flimmern, etwa so:
Kann nicht mehr warten, noch eine Stunde bis zur ersten Session http://tinyurl.com/5nm42t #bcberlin3
Hilfe, mein erstes Barcamp #wieläuftdaseigentlich?
@barcampvirgin Schau mal hier nach: http://www.elektrischer-reporter.de/site/film/49/ #wieläuftdaseigentlich?

Wie das läuft: das Programm entsteht erst am Morgen der Veranstaltung. So geht das auch in Berlin: Wer will, ruft seine Themenvorschläge ins Saalmikro, freut sich über Zustimmungsbekundung der Anwesenden. Die Organisatoren nehmen beides auf, verteilen die Topics auf Räume und Zeiten und nach einer knappen Stunde, begleitet von Sponsoren-Müsli und Pappbecher-Kaffee, steht das Programm. Barcamper sprechen gerne von der Unkonferenz. Was andernorts ein Vortrag oder ein Panel wäre, ist hier eine Session. Diskussion statt verbales Zugeballere, Kritik von andern ist cool, Erfolg hat, wer andere involviert, kurzum: Immer locker, und sich selbst auf keinen Fall so wichtig nehmen.
Was interessiert @mich eigentlich? #themen

Zurück zum Thema: Welche Frage kann Web 2.0 nicht beantworten – und vor allem in welcher Session finde ich sie? Die Pinboards auf der Bühne (Insider-Talk: „Grid“) haben jetzt neun parallele Sessions verteilt auf sieben Timeslots, die reine Qual der Wahl. Die Typen, die es vorgeschlagen haben, sahen sympathisch aus, trotzdem scheiden „Bier und Sauna“ sowie „TV addicts anonymous“ gleich aus. Ebenso einige Zettel, deren Handschrift ich nicht lesen konnte. Schließlich klingen folgende Themen ganz interessant:
@barcampbuddy mein program für heute ist ganz schön voll #web20fragen
Taming the Web: Mehr als Social Bookmarking #session1
Theater 2.0: Oedipedia – alles Psycho oder was? #session2
Web-TV Tools: Selber Broadcaster werden #session3
User-generated Content im Spiegel des Rechts: Fälle und Fallstricke #session4
16 uhr: Ledersessel in der Lounge suchen & Networken #tagestiefpunkt
Wheelmap: Mashup für Real-World Barrierefreiheit #session5
China 2.0: Kann das sein? #session6
Wie zähmt man das Web? Der Referent meiner ersten Session hat sich ja was vorgenommen.
Taming the Web: Mehr als Social Bookmarking #session1
Gut, dass er die Konferenzteilnehmer fragen kann. Es geht um Tagging, um personalisierte Suche, um Bookmarking. Schließlich wird deutlich, so allgemein ist die Frage gar nicht, es geht um die neue Web-Applikation des Referenten:
http://zootool.com/ – How to make the Web useful again #session1
These: Egal, was ich mir merken will im Web: Es muss gehen, es muss speziell für mich gehen, es muss anschaulich gehen und natürlich mobil gehen – „it’s the emerging thing“. Social Bookmarking allein reicht nicht: Bloß Text-Links, keine Bilder, keine Videos. Platzhalter von Gemerktem dürfen nicht nur URLs sein, sondern auch meine rechte, nach Anschauung dürstende Gehirnhälfte unterstützen: für Bilder stehen zum Beispiel grundsätzlich Thumbnails. Außerdem ist die Tool-Landschaft zu zersplittert, Aggregieren tut not. Ebenso wie spezielle Features für das mobile Bookmarking.
Hartmut Wöhlbier bittet um Kritik #whoheldthesession?
Apropos Teilnehmer fragen: Wie kann ein Tool heute wissen, was uns morgen interessiert? Es ging nur um personalisierte Suche, die Frage ist aber prädestiniert fürs Web 2.0-Orakel. Passt zur nächsten Session:
Theater 2.0: Oedipedia – alles Psycho oder was? #session2
Bei einem Barcamp muss es erlaubt sein, dachte ich: Gönnen wir uns also kreative Abwege und hören uns einen an, der Web 2.0-Theater macht, im Zweifelsfall löchern wir ihn.

Seine These: Wir brauchen Theater 2.0, denn unsere Gesellschaft ist 2.0. Schön, aber was heißt das? Theater zum Dazwischenquatschen? Schnell stellt sich heraus, dem Referenten ist das zu einfach. Nein, user-generated Content gehört zwar dazu, aber den zentralen Knackpunkt, wie er in die Theateraufführung kommt, kann man anspruchsvoller beantworten:
- Jetzt eine Ohrfeige von links“- Zuschauer steuern Schauspieler über Joysticks – Lichtimpulse auf der Bühne geben Signale.
- „Hämon, wink doch mal“ - Zuschauer chatten live, und ihre Fragen und Anweisungen werden auf die Bühne projiziert – die Schauspieler reagieren.
- „Seher Teiresias hört die Zukunft mit dem iPod“ - Zuschauer schreiben Textpassagen und äußern Handlungswünsche übers Web– Das Stück entsteht im Vorfeld und sie schreiben mit.
Wer leider nicht mitdiskutieren konnte, will vielleicht stöbern:
@director20 Real Tekken ist eine Vorform von Theater 2.0 #tryout
http://ödipedia.de/: Selbst mal Sophokles sein und nicht nur ein Ticket kaufen #tryout
Benedict Röser findet: Auch Theaterzuschauer sind User http://www.antigone20.de/ #whoheldthesession?
Vielleicht entstehen im Theater 2.0-Labor ja neue, interaktive Fernsehformate. Passt zur nächsten Session, die ich besuche, denn die hilft Leuten wie du und ich, das eigene Fernseh-Ding zu mastern, und hatte eine der befeuertsten Diskussionen zu bieten:
Web-TV Tools: Selber Broadcaster werden #session3
Es geht vor allem um einige sehr praktische, coole Tools; hier eine kleine Liste:
http://www.mogulus.com/ #tryout
New Yorker Plattform zum selber live Streamen und andere Programme Ansehen. Ein praktisches Vorschau-Grid der Kanäle, das anzeigt, was gerade läuft. Man kann sehen, wieviele Zuschauer gerade live sind und wer. Hat ein eigenes Fernsehstudio für Do-it-Yourself-Broadcaster. Die Rollen von Director bis Sound-Mensch und Bauchbinden-Bastler sind administrierbar. Videos kann man einfach mit Links und RSS-Feeds versehen. YouTube-Videos kann ich in meine Mogulus-Library reinziehen. Komplett in Flash realisiert, daher nichts für schwache Rechner. Bei Firmennutzern kann die Firewall Probleme bereiten, und auch sonst soll der ein oder andere Bug gesichtet worden sein.
Nebenbei gesagt: Mogulus-Broadaster auf dem Barcamp waren daran zu erkennen, dass sie dir ihren aufgeklappten Laptop ins Gesicht hielten, zusammen mit der Aufforderung „Sag doch mal was“.
Alternative: http://www.ustream.tv/ #tryout
Kennst du sicher schon: http://www.joost.com/ - Etablierter, aber auch konservenlastig #tryout
@macuser Camtwist – Filme & Screencaptures hochladen und streamen #tryout
@macuser Postproduction-Tool: Soundflower – bis zu 16 verschiedene Sound-Level einbauen, fake claps are such fun #tryout
@macuser Boinxtv – So schnell wie live: Übergänge, Banner & Bauchbinden fürs eigene Video #tryout
@macuser Anspruchsvollere Tools: Finalcut, Wirecast #tryout
Die Session zu den Video-Tools mündete übrigens in eine der angeregtesten Diskussionen des Tages mit einer Menge Fragen, auf die das Web 2.0 sicher bereits Antworten ausbrütet:
- Videos von Usern – das sind wir erst am Anfang. Aber auch Profi-Produzenten orientieren sich bereits an den Möglichkeiten die Web 2.0 hier bietet.
- Videos werden die Kommunikationsform der Zukunft. Wie viele Leute können nicht schreiben – aber mit dem Handy Videos aufnehmen können die schon.
- Wer soll das bezahlen? Die Ausstrahlung von user-generated Video kostet eine Menge Geld. Sind Werbe-Einschaltungen die Lösung?
- Bei Video gleiten wir von einer Realworld-Geschichte in eine Cyberworld rein. Benzin wird teurer – Verfolgen wir die Hochzeit entfernter Freunde nur noch übers Web?
- YouTube hat 95% Trash, Portale wie Vimeo dafür 95% „saugeiles“ Zeug.
Erik Stripparo Florian Krakau #whoheldthesession?
Das Stichwort YouTube reicht eigentlich für eine perfekte Überleitung auf die Frage der Rechte, mit der sich die nächste Session beschäftigte:
User-generated Content im Spiegel des Rechts: Fälle und Fallstricke #session4
Jeder hat wohl inzwischen einmal von Abmahnungsfällen im Zusammenhang mit User-Inhalten oder Blogbetreibern gehört, die für gesetzeswidrige Kommentare von Followern vor Gericht rechtfertigen mussten. Jeden Bulletpoint der folgenden Liste verletzbarer Rechte kann man mit etlichen Metern juristischer Literatur polstern:
- Urheberrecht
- Persönlichkeitsrechte
- Wettbewerbsrech
- Markenrecht
Gefährliche Sache: User werden in diesem Kontext zu Störern oder Autoren, und je nach Sachverhalt und Gericht werden Plattformbetreiber zu Mitstörern oder Lizenznehmern. „Zumutbare Prüfungsmechanismen & Notice & take down“ - nicht allzuviel Neues aber um so genauer zu Studierendes, urteile ich, und wende mich dem nächsten Programmpunkt zu, meinem Tagestiefstpunkt.
Später nachlesen:
Carsten Ulbricht http://www.rechtzweinull.de/ #whoheldthesession?
Hat mir auch schon geholfen: http://www.telemedicus.info/ #tryout

16 uhr: ledersessel in der lounge suchen & networken #tagestiefpunkt
Tagestiefpunkt bietet Anknüpfungspunkt. Komme darüber mit einer der Organisatorinnen des Barcamps Hannover ins Gespräch, wir vergleichen die Netzinfrastruktur und Locations …
Barcamp hannover http://barcamphannover.mixxt.de/ #tryout
Zwischendurch habe ich plötzlich ein iPhone vor der Nase, ein sehr junges Gesicht lächelt mich an und spricht: „sag doch mal was, du bist auf dem Großbildschirm“: Ich dreh mich um, kalt erwischt. Bevor erster Schweiß perlt, preise ich den http://blog.interactive-tv-award.de an und denke: war das jetzt cool und locker?
Wheelmap: Mashup für Real-World Barrierefreiheit #session5
Ein ganz alltägliches Problem in ein Mashup umsetzen: die Initiative Sozialhelden hat sich Barrierefreiheit auf die Fahnen geschrieben und sucht Mitwirkende, insbesondere Programmierer. Ausnahmesweise geht es um reale, nicht virtuelle Barrierefreiheit, also um Stufen vor Toiletten und zu enge Türen, die Rollstuhlfahrern das Leben schwer machen. Für Google Maps soll ein einfaches Tool programmiert werden, das user-generierte Infos zur Stufensituation an Restaurants und Eventlocations akkumuliert. Erstaunlich, wie viele Fragen so etwas aufwirft:
- Komplexe versus einfache Information und ihre Auswirkungen auf die Bedienbarkeit
- Wie die Zuverlässigkeit von Informationen darstellen?
- Mobiler Zugang
- Warum http://maps.google.de/ und nicht http://www.openstreetmap.org/?
- Wie die Informationen mit anderen, vielleicht schon existierenden Ortsinfos verknüpfen?
Die Aufgabe bewältigen, endlich eine übergreifende Infoquelle für barrierefreie Örtlichkeiten zu schaffen, möglichst international.
http://www.sozialhelden.de/ #tryout
Raul Krauthausen Holger Dieterich #whoheldthesession?
China 2.0: kann das sein? #session6
Kommentare nur von Mao oder auch von Chinesen wie du und ich? Grassroot-Revolution ersetzt Kulturrevolution? Interessante Fragen für die Zukunft, auf die das Web 2.0 heute eine Antwort finden sollte. Der Tag hatte allerdings seinen Tribut gefordert & ich gestehe, ich ließ die Session sausen. Umso dankbarer wäre ich, wenn jemand und aus den Tiefen des Web 2.0 einige Fragen klarstellt und hier gleich im Anschluss ein Update liefert …





